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Mehr landwirtschaftliche Erträge durch den Klimawandel?

Das Projekt COIN* evaluierte die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft in Österreich. Durch das vorhersehbare Ansteigen der Temperatur könnten sich landwirtschaftliche Ertäge speziell in Westösterreich sogar steigern. – Welche Problematik birgt das mit sich?

Wie kaum ein anderer Sektor ist die Landwirtschaft von klimatischen Einflüssen abhängig. Bereits geringe Veränderungen der Temperatur und des Niederschlags haben spürbare Auswirkungen auf die Erträge. Wir befragten zwei renomierte Experten über den Einfluss des Klimawandels auf landwirtschaftliche Erträge über die nächsten Jahrzente: Hermine Mitter, Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur in Wien und Hannes Schwaiger, Energie und Nachhaltigkeit der JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH.

 

Ist die landwirtschaftliche Produktivität Österreichs durch die ansteigenden Temperaturen des Klimawandels in den nächsten Jahren begünstigt?
Mitter: Modellergebnisse zeigen, dass die Pflanzenerträge unter Annahme eines moderaten Klimawandel-Szenarios bis 2050 und bei ausreichender Wasserverfügbarkeit im nationalen Durchschnitt steigen. Gründe dafür sind vor allem moderat steigende Temperaturen sowie der so genannte CO2-Düngungseffekt. Allerdings sind die Ergebnisse mit hohen Unsicherheiten behaftet: Extremwetterereignisse, Schädlinge oder Krankheiten können derzeit noch nicht berücksichtigt werden.

Schwaiger: Ja, in erster Linie sind generell höhere Erträge in der Land-, aber auch Forstwirtschaft zu erwarten („Gewinner“ sind z.B. Mais, Kartoffeln oder Wein, Verlierer z.B. Sommerweizen), allerdings kann es regional zu starken Unterscheiden kommen. Speziell spielt dabei die Wasserversorgung der Pflanzen eine entscheidende Rolle. Den höheren Ertrag gibt’s nur bei gleichzeitig günstiger Wasserversorgung. In Zukunft erwarten wir im Winter leider eher mehr Nieserschalg, dafür im Sommer wesentlich weniger. Auch ein erhöhter Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft kann da nur wenig helfen. Das verstärkte Auftreten von wärmeliebenden Unkräutern, Befruchtungsstörungen und Schädlingen (beim Mais), aber auch das Aufkommen neuer z.B. Viruskrankheiten (bei Kartoffeln) spielt ebenso eine Rolle.

 

Gibt es Unterschiede im Ost-West-Gefälle? Sind die Regionen unterschiedlich stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen?

Mitter: Die Modellergebnisse für Pflanzenerträge variieren stark zwischen den landwirtschaftlichen Produktionsgebieten. Im Allgemeinen können Ackerkulturen und Grünland steigende Temperaturen nutzen, wenn ausreichend Wasser in der Wachstumsperiode zur Verfügung steht. Das ist hauptsächlich im Westen und alpinen Teil Österreichs der Fall. In den östlichen Regionen, wo das Wasser in vielen Fällen bereits jetzt das Pflanzenwachstum limitiert, kann sich die Situation bei steigenden Temperaturen verschärfen und zu Ertragsverlusten führen.

Schwaiger: Ja, ganz wesentlich hinsichtlich des Niederschlags, weniger bei der Temperatur. Hier wurde im Westen Österreichs (V, T) in der jüngeren Vergangenheit über das Jahr eine Zunahme der Niederschlagsmengen zu beobachtet, im Südosten (K, St.) eher eine Abnahme.

 

Kann sich eine ertragreichere Landwirtschaft negativ auswirken?

Mitter: Höhere Pflanzenerträge wirken sich positiv auf den landwirtschaftlichen Deckungsbeitrag aus, wenn die Marktpreise dadurch nicht gesenkt werden. Wenn durch höhere Ertragserwartungen aber auch die Düngungsintensität steigt, könnte dies die Umwelt beeinträchtigen (z.B. Eintrag von Nährstoffen in das Grundwasser).

Schwaiger: Wenn hinsichtlich der Wasserversorgung innerhalb der Landwirtschaft aktiv zusätzliche Bewässerungsmaßnahmen getroffen werden müssen, dann ist das sicherlich eine Kostenfrage. Zusätzlich kann es notwendig werden, durch eine eventuelle Verschiebung der Anbaugebietseignung, auf andere landwirtschaftliche Produktionswege umzusteigen. Sicherlich geht allerdings eine wärmebedingte Ertragssteigerung bei ausreichender Wasserversorgung (in feuchteren Gebieten) mit dem Auftreten von neuen Pilzerkrankungen, Unkräutern, dem Aufkommen sogenannter Aliens etc. einher und kann daher auch erhöhten Pflanzenschutzaufwand bedeuten. Umgekehrt ist dieser Effekt durch trockenere Bedingungen in vielen Regionen positiv zu bewerten.

In der Forstwirtschaft ist dementsprechend mit vermehrten Kalamitäten (Borkenkäfer, Windwürfe etc.) zu rechnen, auch der Stabilitätsrückgang des „Brotbaums“ Fichte in tieferen Lagen ist negativ zu sehen.

 

Gibt es konkrete Anpassungsszenarien an die sich verändernden Bedingungen? (z.B.: andere Getreidesorten)

Mitter: Mit Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel können LandwirtInnen neue Chancen nützen und Risiken reduzieren. Modellanalysen zeigen die Wirksamkeit von:

angepassten Saat- und Erntezeitpunkten, der Verwendung alternativer Kulturen (z.B. trockenresistentere Sorten), Veränderungen in der Bodenbearbeitung (z.B. verdunstungsschonend), Zwischenfruchtanbau, Bewässerung, vom angepassten Düngemittel-Einsatz sowie der Diversifizierung von Fruchtfolgen, um die verlängerte Vegetationsperiode besser zu nützen. Weiteres können Ernteverluste durch Extremwettereignisse durch Versicherungen (z.B. Hagelversicherung) abgefedert werden. Allerdings variiert die Effektivität der Anpassungsmaßnahmen nach Produktionsgebieten.

Schwaiger: Die Züchtungs- und Auswahlkriterien bei den meisten landwirtschaftlichen Pflanzen- und Saatgutsorten gehen in Richtung Trockenresistenz, aber auch hitzetolerante Sorten, um eine effizientere Wassernutzung und ev. höheres Ertragspotenzial zu nutzen. Beim Getreide könnten Kreuzungen mit südeuropäischen Sorten verstärkt eingeführt werden. Umstellung von Fruchtfolgen auch in Hinblick auf verstärkte Winterungen von Getreidesorten statt Sommerungen könnten angedacht werden. Innerhalb der Forstwirtschaft geht der Trend weiter in Richtung „naturnahe Waldwirtschaft“.

 

Weitere Infos: http://coin.cca.at

 


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